Merz‘ neue Phantomdebatte: Kernfusion statt Windenergie

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Merz‘ neue Phantomdebatte: Kernfusion statt Windenergie

Friedrich Merz setzt auf Kernfusion als Energiequelle der Zukunft. Der Kanzler gab der Windenergie nur noch 20 bis 30 Jahre. Experten halten diese Einschätzung für gänzlich unrealistisch.

Die Aussagen des Bundeskanzlers sorgten für Aufsehen in der Energiebranche. In einem Interview mit der Bild-Zeitung erklärte Merz, Windenergieanlagen würden in 20 bis 30 Jahren überflüssig sein. Der Grund: Kernfusion werde Strom so günstig produzieren, dass sich Windräder nicht mehr lohnten. Diese Einschätzung widerspricht allerdings dem aktuellen Stand der Forschung.

Kernfusion: Technologie der fernen Zukunft

Die Kernfusion gilt seit Jahrzehnten als Hoffnungsträger der Energieversorgung. Doch funktionsfähige Kraftwerke existieren bislang nicht. In Forschungsanlagen untersuchen Wissenschaftler die Grundlagen dieser Technologie. Eine kontrollierte Fusionsreaktion gelang bis heute nicht zuverlässig.

Der Bau eines ersten kommerziellen Fusionskraftwerks verschlingt nach Schätzungen bis zu 100 Milliarden Euro. Start-ups wie Focused Energy aus Darmstadt oder Proxima Fusion aus München versprechen schnellere Lösungen. Ihre Konzepte befinden sich jedoch noch im frühen Entwicklungsstadium.

Selbst große internationale Forschungsprojekte wie ITER in Südfrankreich zeigen, wie langwierig und komplex der Weg zur Kernfusion ist. Der Versuchsreaktor soll frühestens in den 2030er-Jahren erste relevante Experimente durchführen – eine kommerzielle Stromerzeugung ist damit noch nicht verbunden. Auch danach wären Jahrzehnte für Industrialisierung, Sicherheitskonzepte, Genehmigungsverfahren und Netzintegration zu erwarten.

Energieexperten weisen darauf hin, dass technologische Durchbrüche politisch nicht planbar sind. Energiepolitik, die auf eine bislang nicht marktreife Technologie setzt, verlagert Risiken in die Zukunft – mit potenziell gravierenden Folgen für Versorgungssicherheit und Klimaziele.

Windenergie: Bewährte Technologie unter Druck

Die deutsche Windenergiebranche beschäftigt über 100.000 Menschen. Für den geplanten Ausbau an Land und auf See müsste sich diese Zahl in den kommenden Jahren verdoppeln. Windenergieanlagen benötigen zudem Wartung, Prüfung und Reparatur durch Fachkräfte.

Eine Windenergieanlage erwirtschaftet erst nach etwa zehn Jahren Gewinn – folgt man der Logik des Kanzlers, müsste der Ausbau sofort enden. Das Signal an die Branche wirkt verheerend. Windenergie ist nicht nur ein Stromlieferant, sondern ein tragender Pfeiler des gesamten Energiesystems. Sie ermöglicht heute bereits die Elektrifizierung von Industrie, Verkehr und Wärmeversorgung. Ohne Windenergie müssten große Mengen Strom entweder importiert oder weiterhin aus fossilen Quellen erzeugt werden.

Zudem bildet Windenergie die Grundlage für den Ausbau von Speichertechnologien, grünem Wasserstoff und flexiblen Lastmanagement-Systemen. Diese Infrastrukturen sind langfristige Investitionen, die nur bei verlässlichen politischen Rahmenbedingungen entstehen.

Kostenvergleich: Windstrom schlägt Atomstrom

Die wirtschaftliche Rechnung des Kanzlers bleibt fragwürdig. Atomstrom kostet in der Erzeugung fünf bis acht Cent pro Kilowattstunde — doch das berücksichtigt kaum die Bau- und Finanzierungsrisiken großer Nuklearprojekte.

Ein anschauliches Beispiel liefert das britische Kernkraftwerk Hinkley Point C: Ursprünglich auf etwa ungerechnet 21 Mrd. Euro geschätzt, sind die Kosten im Laufe des Baus dramatisch gestiegen und könnten laut aktuelleren Angaben in heutiger Währung bis zu etwa 83 Mrd. Euro erreichen – also mehr als das Zweieinhalb- oder Dreifache der ursprünglichen Planung. Zudem verzögert sich der Betrieb auf frühestens 2030 bis 2031 statt der ursprünglich geplanten Mitte der 2020er Jahre.

Diese Ausgaben steigen nicht nur wegen höherer Material- und Arbeitskosten, sondern auch durch komplexe Bau- und Sicherheitsanforderungen, Lieferkettenprobleme und regulatorische Herausforderungen. Der Strom aus Hinkley Point C wird nach dem garantierten Vertragspreis voraussichtlich deutlich über 15 Cent pro Kilowattstunde liegen — also erheblich teurer als viele erneuerbare Energien.

Die Lücke in der Energieversorgung

Aussagen über ein absehbares Ende der Windenergie wirken über den Energiesektor hinaus. Sie beeinflussen Investitionsentscheidungen, Ausbildungszahlen und Standortfragen. Energieprojekte haben Vorlaufzeiten von Jahrzehnten – politische Unsicherheit führt zu Zurückhaltung bei Kapital und Fachkräften.

Die Erfahrung mit der deutschen Solarindustrie zeigt, wie schnell technologische Führungspositionen verloren gehen können, wenn politische Unterstützung abrupt endet. Ein ähnlicher Effekt in der Windbranche hätte weitreichende industrie- und arbeitsmarktpolitische Folgen.

Kernfusion bleibt ein faszinierendes Forschungsfeld mit langfristigem Potenzial. Sie eignet sich jedoch nicht als Begründung, bestehende, funktionierende und klimarelevante Technologien infrage zu stellen. Eine Energiepolitik, die auf real verfügbare Lösungen verzichtet, um auf zukünftige Durchbrüche zu hoffen, riskiert Versorgungssicherheit, Klimaziele und industrielle Wertschöpfung.

Windenergie ist kein Auslaufmodell, sondern ein Fundament. Ohne sie entsteht nicht nur eine technologische, sondern eine politische und wirtschaftliche Lücke, die sich nicht kurzfristig schließen lässt.


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